Prof. Dr. Stefanie Hölscher-Doht im Porträt


"Faszination Biomechanik - vom OP ins Labor und zurück"

Wieviel Prozent Ihrer Tätigkeit wenden Sie für Klinik bzw. Forschung auf?

Stefanie Hölscher-Doht: Meine aktuelle Position gliedert sich formal in 50 % Forschung und 50 % klinische Tätigkeiten auf. Generell müssen aber wissenschaftlich aktive Unfallchirurgen immer wieder sowohl der Patientenversorgung als auch der Forschung intensive Zeiten einräumen, in denen, so wie während meiner Facharztausbildung und anschließenden operativen Spezialisierung, mal das eine und mal das andere überwiegt.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, wissenschaftlich tätig zu sein? Was begeistert Sie an der Forschung?

Stefanie Hölscher-Doht: Von Anfang an haben mich der direkte klinische Bezug der biomechanischen Forschung, die Möglichkeiten der Translation in die klinische Versorgung und die Chance, mit Grundlagenwissenschaftlern oder klinisch tätigen Ärzten aus anderen Fachgebieten zusammenzuarbeiten, begeistert. Bereits während des Studiums hat mich das Thema einer biomechanischen Analyse von Implantaten zur Mittelhandfrakturversorgung gefesselt; nach der Promotion arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe am Folgeprojekt. Daran knüpfte ich dann nahtlos mit Beginn meiner Facharztausbildung an. Mittlerweile macht es mir großen Spaß, in meiner eigenen Arbeitsgruppe mit ambitionierten jungen, wissenschaftlich ernsthaft interessierten Ärzten zusammenzuarbeiten, sie Schritt für Schritt als akademische Unfallchirurgen aufzubauen und in die vielen Kooperationen zu integrieren.

Was möchten Sie langfristig mit Ihrer Forschung erreichen? Was ist Ihr „großer Plan“?

Stefanie Hölscher-Doht: Ich möchte die biomechanische Forschung der Unfallchirurgie immer enger mit Grundlagenwissenschaftlern aus unterschiedlichen Instituten verknüpfen und durch die Kooperationen die Forschung frühzeitig auf ihre klinische Relevanz hin ausrichten, um später möglichst Ergebnisse zu erzielen, die langfristig für die Patientenversorgung relevant und übertragbar sind. Dabei möchte ich immer mehr wissenschaftlich interessierte Kliniker in die Projekte einbeziehen.

Wie können Ihrer Meinung nach mehr klinische Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen zur eigenen Forschung begeistert werden?

Stefanie Hölscher-Doht: Es sind gute Strukturen in den Kliniken gefordert, um die klinischen Nachwuchswissenschaftler zu motivieren. Gut funktionierende Arbeitsgruppen, frühzeitige Planung und Zielsetzungen, wie zum Beispiel eine angestrebte Habilitation und eine engmaschige Betreuung mit Anlernen zur Eigenständigkeit, sind auf der einen Seite wichtig. Auf der anderen Seite müssen Konzepte geschaffen werden, um durch Forschungsrotationen dem Nachwuchs Freiraum zu geben, die Projekte wirklich durchzuführen. Kliniker müssen sich darüber im Klaren sein, dass „Feierabend-Forschung“ heutzutage nicht mehr geht, nicht konkurrenzfähig zu den Projekten der „Vollzeit-Forscher“ ist. Und viele Projekte sind ohne Freistellung von der klinischen Tätigkeit nicht umzusetzen.

Welche Herausforderungen / Hindernisse mussten Sie überwinden, um Forschung zu betreiben, und was raten Sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs?

Stefanie Hölscher-Doht: Der klinischen Tätigkeit und Forschung gleichzeitig nachzugehen, erfordert ein hohes Maß an Begeisterung für beide Bereiche und die Bereitschaft, sehr viel Zeit zu investieren. Ich glaube, man muss richtig für ein Forschungsthema „brennen“. Nur dann kann auch langfristig erfolgreich Forschung betrieben werden. Ich empfehle dem wissenschaftlichen Nachwuchs, sich eine Forschungsarbeitsgruppe zu suchen und anzuschließen sowie frühzeitig mit dem Arbeitsgruppenleiter Ziele und Perspektiven zu besprechen. Mit Motivation und Begeisterung können erste Grundlagen gelegt werden, um dann in einem zweiten Schritt, nach guter Planung, sich Freiräume durch Forschungsstipendien zu schaffen. Als Beispiel für eine mögliche Förderung hat ein ehemaliger Doktorand meiner Arbeitsgruppe und jetzt Assistenzarzt der Klinik sich eine Freistellung von der klinischen Tätigkeit durch Förderung im Clinician-Scientist-Programm erarbeitet.

Welches der von Ihnen bislang betreuten Forschungsprojekte hat Sie am meisten begeistert und warum?

Stefanie Hölscher-Doht: Es gibt bei mir eigentlich nicht „das Projekt“, sondern das Forschungsgebiet an sich hat mich von Anfang an eingenommen. Die biomechanische Forschung ist eine translationale Forschung und so nah an der Patientenversorgung dran wie kaum ein anderes Forschungsgebiet. Fragestellungen ergeben sich aus dem OP, zum Beispiel, wie die Stabilität der Frakturversorgung durch Wahl des Implantates oder der Schraubenkonfiguration beeinflusst wird. Die Ergebnisse der Forschungsprojekte liefern direkt die Grundlage für die Entscheidungen, die ich als Operateurin für die Frakturversorgung im OP treffe, sie können also direkt in der Patientenversorgung umgesetzt werden. Dieser direkte Bezug zu meiner klinischen Tätigkeit hat mich sofort an diesem Forschungsfeld begeistert.

Welchen Stellenwert nimmt nach Ihrer Ansicht die Forschung in O und U ein?

Stefanie Hölscher-Doht: Die Forschung in O und U hat einen sehr großen Stellenwert. Ich bin der festen Überzeugung, dass nur durch die enge Zusammenarbeit von forschenden Unfallchirurgen und Grundlagenforschern die Patientenversorgung durch Innovationen stetig verbessert wird. Zum Beispiel ist mir in engen Kooperationsprojekten zur Weiterentwicklung von mineralischen Knochenzementen die Bedeutung der gemeinsamen Entwicklung besonders aufgefallen. Die klinischen Anforderungen an die Materialbeschaffenheit erfordern eine andere Modifikation der Zemente als zur Optimierung der Materialien allein aus materialwissenschaftlicher Sicht.

Wie vereinbaren Sie Forschung und Familie miteinander?

Stefanie Hölscher-Doht: Die Vereinigung von Beruf und Familie stellt eine große Herausforderung dar. Ohne die Unterstützung meines Mannes, sein Verständnis für lange Forschungswochenenden und die Wertschätzung meiner Arbeit wäre es nicht möglich gewesen, Klinik und Forschung in meiner gesamten Tätigkeit so zu betreiben. Es ist jedoch auch sehr wichtig, sich bewusst Zeit für die Familie zu nehmen und Zeiten zu planen, an denen man Zuhause den Laptop „mal ruhen lässt“.

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